Es lebe die Psychoanalyse!

Man sagt, einer der Söhne des Uranos,
beunruhigt von der Fruchtbarkeit seines Vaters,
habe ihm das Fortpflanzungsorgan abgeschlagen und somit
die Reihe zahlloser Kopulationen beendet.
Die Legende schweigt darüber,
welcher Uranos entmannt wurde,
Uran der Zweihundertfünfunddreißigste
oder Uran der Zweihundertachtundgreißigste?
Den ersten stelle ich mir als einen harmlosen Säufer vor,
den zweiten als einen Profikiller.
Mendelejews Tochter war
mit einem berühmten Dichter verheiratet,
also numerierte er Götter
nach seinen persönlichen Sympathien.
Diese romantische Tradition wird auch heute fortgesetzt.

Die Bluttropfen des Sexualmörders und Säufers
(Ich verweise auf einen genetischen Fehler)
fallen ins Wasser und schäumen es auf.
Die kleinsten einzelligen Wesen,
die Bruchteile der Desoxyribonukleinsäure enthalten,
vereinigen sich und teilen sich,
und erzeugen beim ersten feierlichen Klonierungsversuch
die triebhafteste und wollüstigste
Liebesgöttin.

Andere Tropfen
hatten nicht so viel Glück –
so hat es das Schicksal gewollt –
und fielen auf den fruchtbaren Boden.
Gaja wundert sich und versucht,
das genetische Kreuzworträtsel zu lösen,
verschiedene Kombinationen auszuprobieren
und leere Kästchen zu füllen.
Nach einer gewissen Zeit fällt ihr nichts besseres ein,
als drei wahnsinnige Tanten,
Erynnien zu gebären,
die später Orest mit ihren lächerlichen Vorstellungen
von Gerechtigkeit quällen werden,
und sich bei Sartre zu einer Schar ekelerregender
lästiger hungriger Fliegen verwandeln.

Sie sind also Schwestern,
Die sinnliche Göttin des höchsten Genusses,
Die nach der Laune des Bildhauers aus Milos
nicht einmal Arme hat,
aber wozu braucht man schon Arme,
wenn man fähig ist,
die ganze Welt mit Wollust zu füllen,
und drei alte Pennerinnen,
die an Enurese leiden,
die stinkende Lumpen tragen,
deren wahnsinnige nörgelnde Rachsucht
zu ihrem Beruf wurde.

Das ist eine wundervolle Illustration
zu den analytischen Übungen
eines gewissen Professors, der Aphrodite
nach dreißig Jahrzehnten des harmlosen,
freien Daseins fing.
Sorglos spielte sie auf den mediterranen Weiten
und sandte zu anderen Kontinenten fruchtbare
und wertvolle Emanationen
und ahnte nichts vom schrecklichen Schicksal,
das ihr der kaltherzige Forscher bereitete.
Während Opa Mendeleew seine Patiencen legte
und die Emanationen der Liebe
für ganz prosaische Emanationen des Radiums hielt,
Bearbeitete sein Schwiegersohn
Tausende von Tonnen des verbalen Erzes
(Oder war es jemand anderes?),
und der Professor schärfte bedachtsam und systematisch
Seinen auch ohnehin schärfsten Intellekt,
mit dem er sogar die feinsten und zartesten Fluida,
die von einer liebenden Seele ausgehen,
im Flug zerschneiden kann.

Es ist nicht leicht, die Göttin zu fangen,
aber die ausgeklügelten Fallen,
der Apfel des Paris und die Sorglosigkeit einer Fee
machen diese Aufgabe erfüllbar.
Und so seziert der Professor die Seele der Göttin
und plaziert unter dem Mikroskop diese und jene Teile
zu genauer Untersuchung.
Er reibt sich die Hände in der Vorfreude des Genusses,
den ihm das Zusammensetzen kunstvoller Syllogismen
unter Anwendung von Analyse und Synthese,
der deduktiven und der induktiven Methode bereiten wird.

Die Patientin beobachtet die Manipulationen ihres Peinigers
bei klarem Verstand und in vollem Bewußtsein
(eine Göttin kann man nicht töten)
mit dem demütigen Gesichtsausdruck einer Nixe.
Nachdem er sich an scharfen Bildern,
kuriosen Querschnitten,
interessanten Fragmenten ergötzt
und die Ergebnisse seiner Versuche aufzeichnet hat,
sammelt der Professor vorsichtig die Präparate
und plaziert sie in speziellen Behältern,
die die notwendige Feuchtigkeit
und Temperatur aufrechterhalten.
Die Untersuchung soll viele Jahre dauern,
der Professor ist sparsam und geschäftstüchtig.

Er geht aus dem Labor in sein Arbeitszimmer
und setzt sich an den Schreibtisch.
Hier wird nichts ihn stören, weder Gerüche,
noch grelles Licht,
noch der Vorwurf in den Augen der Nixe.
Die Blätter des Notizblocks
werden mit gleichmäßigen Zeilen gefüllt.
Die Kranke wurde von ihrem Hausarzt in die Klinik eingewiesen.
Ihr Vater neigte zu ungezügeltem Geschlechtsverkehr.
Ihre Schwestern litten an einer Zwangsneurose,
die in akuten Phasen zu paranoischen Zuständen führt.
Ihr Bruder versuchte, den Vater zu ermorden,
das ist die Vorgeschichte des Ödipus.

Der Professor ist klug und begabt,
er nutzt die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung,
er durchschaut das Wesentliche.
Die Wörter werden zu Zeilen
und schmücken den Text
mit dem Glanz der neu erfundenen Begriffe.

Den funkelnden Glanz erzeugt
die Energie von Anziehungen und Zuständen,
die man Liebe nennt.
Diese Energie verteilt sich im Zimmer
wie ein unhomogenes biologisches Feld,
dessen Verdickungen manchmal wie feuchte dicke Walzen
über den Rücken des Professors rollen,
dann runzelt er unzufrieden die Stirn
und winkt das unerwartete Hindernis ab.
Im Kern des Begriffs, den wir Liebe nennen,
ist all das, was Dichter besingen,
die sexuelle Liebe also,
deren Ziel sexuelle Vereinigung ist.

Der Professor entwickelt dieses Thema weiter
und stellt fest,
daß der Begriff Libido
(er wurde wahrscheinlich vom Namen einer Patientin abgeleitet)
nicht von all dem getrennt werden sollte,
was mit dem Wort Liebe zu tun hat:
einerseits Selbstliebe, andererseits
Elternliebe und Kinderliebe,
Freundschaft und allgemeine Menschenliebe,
sowie Ergebenheit zu konkreten Gegenständen und abstrakten Ideen.

Der Autor vertieft und erweitert die Analyse,
er denkt an mythologische Geschichten
und Fälle aus eigener Erfahrung
und führt in die Theorie solche neuen Begriffe ein,
wie infantile Angst der latenten Phase,
Ödipuskomplex, Sublimation und Ambivalenz.
Er beschreibt und definiert die Begriffe
die oral-kanibalische und die sadistisch-anale Phase,
Neurose, Perversion, Fetischismus und Narzismus.

Die Kamera nimmt groß den Nacken des Professors auf,
fährt zurück und nach oben.
Großaufnahme:
Arbeitszimmer, Bücherregale, Schreibtisch,
die Figur des Forschers.
Einige Kuriositäten, solide Holzmöbel.
Dolby Surround gibt das Kratzen der Feder räumlich wieder.
Im Kino ist Stille.
Das langatmige Suspense füllt die Herzen
der Zuschauer mit bösen Vorahnungen.



Das ist doch eine tolle Idee –
schon als Kind
sich in einer dunklen Ecke des elterlichen Schlafzimmers
mit einem Taschenmesser zu verstecken,
einen günstigen Moment abzuwarten,
mit einem wilden Schrei herauszuspringen
und auf Papas Glied zu hauen.

Es lebe die Psychoanalyse!..

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