Leopold Federmair "Kleiner Wiener Walzer" (Klaus Zeyringer) Was wir in unseren Welt-Anschauungen als Realität erzählen, ruht auf einigen Pfeilern der Ordnung, die die Gebäude unserer Selbstverständlichkeiten tragen. Hinter die Kulissen der Eigenheiten und Fremdheiten vermöge ein dichterisches Gefüge zu führen, das vordringlich das Sprachfundament bloßlege und dekonstruiere, lautet ein Grundsatz "avancierter" Literatur. Daß dies hierzulande nicht unweigerlich einen Absolutismus von Sprachspaltereien und Österreich-Kritik bedeuten muß, läßt sich jüngst in so unterschiedlichen Werken wie jenen von Melitta Breznik, Walter Grond, Paulus Hochgatterer, Daniel Kehlmann nachlesen. Leopold Federmair hat nun eine weitere epische Variante vorgelegt, die Vielschichtigkeiten unter den aktuellen Verhältnissen hybrider Welten darstellt - und zwar auf eine meist sehr ansprechende Art, die keine formale Pose braucht. Die fünf Erzählungen des Bandes Kleiner Wiener Walzer lassen eindringliche Bilder diverser Fremdheiten entstehen und setzen leitmotivisch die Musik als Komponente eines Rahmens, an dessen Normen-Korsett genestelt wird. So heißt es in Mückengesang über den Opernbesuch des italienischen Literaturlehrers Mauro, der sich im Kontakt mit einem freizügig-ironischen Engländer schmerzlich seines engen Lebens bewußt wird: "Mit einem Ausdruck verzweifelten Flehens sangen sie, als hätte man sie in ein Korsett gesteckt und sie suchten vergeblich nach einer Öffnung, die groß genug war, damit sie in irgendeine Freiheit entwischen konnten." Diesen Satz hätte Federmair allen Erzählungen als Motto voranstellen können; die Passage illustriert zudem die gelungene literarische Strategie der Verknüpfung verschiedener Ebenen: Mauro versteht die Opernsänger, "die im Licht der Scheinwerfer ihre Posen durchhielten", als "Widerspiegelungen der Salzsäulen, die sein eigenes Leben bewohnten". Wie Theaterrampe und Bühne, die im Band in einigen Varianten erscheinen, sind es Stätten der Mélange, Treffpunkte der Gegensätze, Schnittstellen, in die Federmair feinfühlig seine Prosa setzt - zwischen Realitätsbeschreibungen und Träume, Suggestionen, Illusionen. In Schwarze Taube dringt Carlos Cervantes mit seinem Lied "Ay, Medellin" nicht durch, da das Eferdinger Publikum "Cucurrucucu paloma" hören will. Dem Südamerikaner, der der Lehrerin Irma nach Österreich gefolgt war, vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart, Heimat und Fremde, Bild und Einbildung, bis er am Schluß verlassen und ausgeschlossen dasitzt. Lassen sich die Täuschungen und Enttäuschungen jenes Cervantes als ein Ab-Gleiten von Bewußtsein und Wahrnehmung verstehen, so führt Der Fakir in den Bereich des Unerklärlichen. In einem Wiener Lokal schließt man einen stramm gefesselten Magier mit dem Ich-Erzähler in einer "black box" ein, und was dann hinter der schwarzen Samtdecke tatsächlich geschieht, bleibt ein Rätsel. Wie das poetische Vorbild, Doderers Ein anderer Kratki Baschik im Wirtshaus "Zur Stadt Paris", vermischt auch Federmairs Fakir in der "Rose von Damaskus" Sinnliches und Übersinnliches. Ein Meister der Suggestion steht dann im Mittelpunkt der vierten Erzählung Die Dreizahl, die von einem Selbsterfahrungs-Seminar der "Kreativen" auf einer Mittelmeerinsel handelt. Dort betreibt der Guru Cipollini seine "Schule der Phantasie" und führt die "Kreativen" dauernd an der Nase herum, bis zu seinem eigenen geheimnisvollen Untergang. In diversen Dreier-Konstellationen ist eine Gruppendynamik ausgedrückt, die in den "3. Raum" eines halluzinatorischen "Dazwischen" führt. Das Unerklärliche spielt sich in Cipollinis Höhle, seiner "black box" ab; das Handfeste in seinem Bett, in das er sukzessive all die esoterischen Frauen lotst. Die feine Ironie allerdings, die diese teilweise zu explikative Prosa trägt, hat Federmair leider am Schluß vergröbert und mit Klischees durchsetzt; und der Ton der ersten beiden Teile des Bandes wirkt bisweilen ungelenk, leicht veraltet. Ein kleines Meisterstück freilich scheint mir die Titelerzählung Kleiner Wiener Walzer zu sein, die mit einem bestechenden Blick beginnt, den die spanische Musikerin Ana aus dem Flugzeug wirft, das sie nach Wien bringt, wo sie Einblicke in die Schönbergsche Partitur des Strauß-Walzers "Rosen aus dem Süden" gewinnen will. Ein Wechselspiel zwischen Harmonik und Dissonanz, zwischen sprachlichem Dreivierteltakt und dessen Brechung grundiert diese präzise Prosa, in der eine Mélange der Bilder- und Klangwelten (von Garcia Lorca bis in das Wien des Jahres 1998, von Walzer bis Pop) komponiert ist. Wie es über einen Eislaufplatz heißt: "Es war ein ewiges Hin und Her, ein undurchschaubares System, in dem sich die Punkte unablässig verschoben, vereinten und trennten. Manchmal jedoch öffnete sich eine kleine, bläulichweiße Fläche [...]: das Strahlzentrum des Systems oder sein blinder, blendender Fleck". Federmairs sehr lesenswerte Erzählungen sind von einer klugen literarischen Konstruktion, etwa von feinen Motivketten, zusammengehalten; sie führen sowohl in "black boxes" als auch zu Öffnungen "in irgendeine Freiheit"; die Gebäude der Selbstverständlichkeiten wanken. Leopold Federmair, Kleiner Wiener Walzer. Erzählungen. 131 Seiten. [401] |